05.08.2019 / Allgemein / /

Die Kunststoffindustrie muss umdenken

Aus dem NZZ-E-Paper vom 05.08.2019

Als Beobachter nimmt man es erstaunt zur Kenntnis, doch die Szene ist wohl gar nicht so untypisch: Zwei Mädchen sammeln an einem Strand in Italien im Badeanzug herumliegende Abfälle wie PET-Flaschen und Zigarettenkippen ein. Ihnen machen es diesen Sommer weltweit Tausende nach, wie sich aus unzähligen entsprechenden Posts in sozialen Netzwerken schliessen lässt.

Das wachsende Bewusstsein über achtlos liegengelassene, weggeworfene oder im grossen Stil illegal entsorgte Abfälle bringt die Verpackungsindustrie und ihre Abnehmer im Konsumgütersektor in Bedrängnis. «Dies ist ein grosses Thema», sagt Martin Kathriner, der bei der Schweizer Tochtergesellschaft des weltgrössten Abfüllbetriebs des Coca-Cola-Konzerns, der Coca-Cola Hellenic Bottling Company (HBC), für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Recycling im Vormarsch

Die Firma hat unlängst damit begonnen, das zum Portefeuille von Coca-Cola gehörende Mineralwasser der Marke Valser in Flaschen abzufüllen, die zu 100% aus wiederverwertetem PET bestehen. Damit sei man ein Pionier unter allen Schweizer Mineralwasserquellen, sagt das Unternehmen.

Laut Coca-Cola HBC bestehen Getränkeflaschen aus PET in der Schweiz derzeit im Durchschnitt erst zu 35% aus Recycling-Material. Und viele Konkurrenten im In- und Ausland würden weiterhin ausschliesslich noch nie verwendeten PET für die Produktion ihrer Gebinde verwenden.

Damit dürfte jedoch zumindest in Europa in absehbarer Zukunft Schluss sein. Im vergangenen März beschloss das EU-Parlament mit überwältigender Mehrheit, dass bis in zehn Jahren 90% aller Plastikflaschen dem Recycling zugeführt werden müssen. Das ist ein grosser Schritt für eine Branche, die sich in der Vergangenheit nicht durch ein besonderes Sensorium für Umweltfragen ausgezeichnet hat. Lieber expandierten Kunststoffhersteller in den Fernen Osten, um die dort – angesichts wachsender Mittelschichten – stark steigende Nachfrage nach Plastikverpackungen zu bedienen. Auch waren viele Anbieter darauf bedacht, Produktionskapazitäten in der Nähe günstiger Rohstoffquellen aufzubauen. Davon profitierten in den vergangenen Jahren – dank reichlich vorhandenem Erdöl und Erdgas – besonders der Nahe Osten sowie Teile der USA.

In der Zwischenzeit zeichnen sich Überkapazitäten in der Branche ab. Ein Indiz dafür ist der Preiszerfall bei Polyethylenen. Die Notierungen für diesen Rohstoff, der in der Kunststoffherstellung von grosser Bedeutung ist, haben seit Anfang 2018 um ungefähr ein Drittel nachgegeben. Sollte die Branche weltweit gezwungen sein, nachhaltiger zu werden und verstärkt wiederverwertetes Material zu verwenden, dürfte sich das Problem der Überkapazitäten noch verschärfen. Darunter würden grosse Chemiekonzerne wie BASF und DowDupont leiden, für die das Plastikgeschäft ein wichtiges Standbein ist. Doch auch Erdölkonzerne wie der US-Riese Exxon Mobil und der saudiarabische Koloss Aramco, die ihre Wertschöpfungskette in Richtung Kunststoffe verlängert haben, drohen auf der Verliererliste zu landen.

Andere Maschinen gefragt

Dass in Fragen der Verpackung ein Umdenken stattfindet, spüren nicht nur die Kunststoffproduzenten sowie die mit ihnen kooperierenden Hersteller von Gebinden für die Nahrungsmittel-, die Medizintechnik- oder die Kosmetikindustrie. Auch der Maschinenbausektor ist betroffen, wie die jüngsten Äusserungen prominenter Vertreter in der Schweiz verdeutlichen. Bei Bucher Industries stellt man fest, dass die Nachfrage nach Glasbehältern stark zugenommen hat. So sei beispielsweise Coca-Cola dazu übergegangen, Getränke verstärkt in Glas- statt in Kunststoffflaschen abzufüllen, erklärte der Konzernchef Jacques Sanche vergangene Woche an einer Telefonkonferenz zum Halbjahresabschluss.

Für Bucher ist der Boom bei Glasflaschen eine glückliche Fügung, zählt die Gruppe mit ihrer Tochtergesellschaft Emhart Glass doch zu den Marktführern bezüglich Maschinen für Glasbehälter. Emhart Glass steigerte im ersten Semester 2019 den Umsatz um 19%, der Auftragseingang erhöhte sich sogar um fast 25%.

Lange Entscheidungsfindung

Schwieriger ist die Lage für den Westschweizer Maschinenhersteller Bobst. Die Gruppe, deren Maschinen besonders für die Produktion von Verpackungen aus Wellpappe und Karton eingesetzt werden, hat in den letzten Jahren vom boomenden Online-Versandhandel profitiert. Doch jüngst ist die Nachfrage nach verschiedenen Produkten der Firma ins Stocken geraten. Das Management begründet dies ausser mit der allgemeinen Konjunkturschwäche mit dem «zunehmenden Bewusstsein von Verbrauchern und Herstellern von Markenartikeln, dass nachhaltigere Verpackungslösungen gesucht werden müssten».

Laut dem Finanzchef Attilio Tissi haben sich einige grosse Markenartikelhersteller das Ziel gesetzt, bis 2025 nur noch wiederverwertetes Plastik für Verpackungen zu verwenden. Andere seien bestrebt, den Anteil von nicht wiederverwerteten Materialien zu reduzieren, wobei noch offen sei, um wie viel. Bobst rechnet mit einer ausgedehnten Phase der Entscheidungsfindung. Solange nicht klar sei, wohin die Reise gehe, würden Investitionen in neue Maschinen für die Verpackungsherstellung wohl nur zurückhaltend getätigt.